Immobilienbetrug – ein Interview mit einem Geschädigten – Teil 2

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17.04.2013

Teil 2 Immobilienbetrug

Liebe Leser, letzte Woche lasen Sie im ersten Teil unseres Interviews mit Herrn Fein, wie findige Anlagebetrüger einen Immobilienbetrug einfädeln. Lesen Sie nun, wie es beim Notar und Rechtsanwalt weitergeht.
Dies ist ein Erfahrungsbericht eines Betroffenen und keine Rechtsberatung.

Interviewpartner Thema Immobilienbetrug Teil 2

© Rolf Liedke

Man bot Ihnen also eine 3-Zimmer-Wohnung in der Ludwigshafener Innenstadt für ca. 165.000 € inklusive Parkplatz an. Sie waren bestimmt überrascht, wie reagierten Sie?
Wir waren völlig von den Socken. Damit haben wir natürlich nicht gerechnet. Die Zahl war erschreckend hoch und in erster Linie auch ein Grund dafür, warum wir uns eben im Vorfeld rein gar nicht mit Immobilien beschäftigt haben. Die waren halt nie von Relevanz für uns. Der Steuerexperte schlug uns nun diese konkrete Wohnung als Finanzierungsmodell vor, um Steuern zu sparen.  Es wurde geredet von staatlichen Förderungen im Wert von 20.000 €, Mieteinnahmen, den laufenden Kosten und den ungefähren Kosten mit einem von einer Bank gegebenen Kredit. Wir müssten alles in allem gerade mal 30 € zusätzlich im Monat zahlen. Der Rest finanziere sich von alleine.

Sie schöpften nach wie vor keinen Verdacht auf einen Immobilenbetrug?
Komischerweise nicht. Mich haben die gesamten Referate, welche im Beratungshaus vor uns abgehalten wurden, von der Professionalität und Seriosität dieses Hauses wirklich überzeugt. Und ich freute mich nur, endlich auch mal Glück zu haben. Es hörte sich alles so perfekt an.

Die Wohnung gefiel uns nach dem Grundriss, der Hochglanzbroschüre und den Fotos super, obendrein war sie in der Nähe zu unserer jetzigen Mietwohnung. Außerdem wurde uns zugesagt, dass der Bauträger, sprich der Verkäufer, aufgrund eines Sonderfalles alle einmaligen Kosten wie Notar, Grunderwerbssteuer, Gutachter etc. übernimmt. Zudem wird die Wohnung bald restauriert. Wir hätten also sogar noch die Möglichkeit, die Böden auszusuchen.

An eine Kapitalanlage im klassischen Sinne dachten wir allerdings nicht. Wenn, dann wollten wir die Wohnung selbst nutzen. Dazu kam natürlich auch direkt ein Vorschlag und zwar, die Wohnung 1 Jahr zu vermieten, um die Förderungen vom Fiskus mitzunehmen und dann auf Eigenbedarf zu pochen, um selbst darin zu wohnen. Diese Gelegenheit, eine Wohnung so günstig zu bekommen, ist wie ein Sechser im Lotto. Und es kann ja sein, dass gerade irgendwo ein anderer Makler jemandem anderen diese wirklich günstige Wohnung verkaufen will. Zumindest wurde uns dies vom Steuerexperten, der übrigens plötzlich während des Gespräches zu einem Makler wurde, erzählt. Uns fiel dies aber nicht auf.
Wir waren total aufgeregt und dachten eine Zigarrettenlänge gemeinsam darüber nach (Die kennen sich ja mit Finanzen aus. Da sollte ja eigentlich nichts schiefgehen. Das ist eine einmalige Chance, und die sollten wir uns nicht durch die Lappen gehen lassen. Und so weiter.) Wir schlugen dann sofort ein.

Was meinen Sie mit sofort?
Wie ich es sage, sofort. Wir sollten sofort zum Notar, und dort würde sich auch der Verkäufer einfinden, und wir könnten den Vertrag gleich unterschreiben.

Sie haben keine Verträge bekommen, die Sie erst einmal in Ruhe prüfen konnten?
Doch, es wurde uns ein Vertrag vorgelegt, in welchem sowohl die Rechte vom Verkäufer als auch vom Käufer gut abgesichert sind. Außerdem befand sich im Vertrag eine Klausel, in welcher stand, dass, wenn die Finanzierung nicht zustande komme, der Kaufvertrag nichtig sei. Es konnte doch also gar nichts passieren. Vor der Fahrt zum Notar hat man uns instruiert zu sagen, wir hätten die Verträge schon seit 14 Tagen vorliegen. Dies sei ein veraltetes Gesetz aus dem Jahr 1866, als die wenigsten lesen konnten. Heute sei das überholt und ist nur von rein formeller Bedeutung. Notarrecht eben.

Vor der Fahrt zum Notar? Sie sind wirklich am selben Tag zum Notar gefahren?
Ja, man ließ uns ja glauben, dass die Zeit drängt. Man fuhr uns ins benachbarte Hessen zu einem Notar, bei dem, wie schon gesagt, der eigentliche Verkäufer schon auf uns wartete.

Hier unterschrieben wir den Kaufvertrag über 155.000 €. Wir haben den Vertrag wie üblich vom Notar vorgelesen bekommen und ich bin mir sicher, dass es sich nicht um den Vertrag handelte, den wir nach der notariellen Ausfertigung erhalten haben.

Wie meinen Sie das? Wollen Sie damit sagen, der Vertrag sei nachträglich geändert worden?
Beweisen kann ich das natürlich nicht, aber es fehlte ganz sicher die Passage, in der es hieß, dass der Vertrag nur zustande kommt, wenn wir auch einen Kredit erhalten sollten. Außerdem waren markante Punkte im Vertrag, wie beispielsweise der Verkaufspreis, in der ausgehändigten Version an einer vollkommen anderen Stelle als in der vorgelesenen.

Wie ging das nun nach dem Notar weiter?
Als ich nach dieser Tour langsam zu mir kam und wir endlich zu Hause waren, fing ich an, im Internet zu recherchieren. Eine Websuche ergab, dass der Ablauf des Verkaufes auf Unseriösität hinweist.

Tags drauf haben wir uns umgehend bei der Polizei gemeldet und um Hilfe bzw. Beratung gebeten. Dort verwies man uns an das Landratsamt, welches uns mangels Vertrages auch nicht weiter helfen konnte. Wir hatten ja nicht einmal den Grundbucheintrag.

Zwei Tage später baten wir den makelnden Steuerexperten um schriftliche Unterlagen und Sicherheiten, wie der Übernahme der Gutachterkosten, Notarkosten etc. oder um den Rücktritt vom Vertrag. Der Berater wurde sehr aufbrausend, aber da wir ja noch den Kreditvertrag unterschreiben sollten, lenkte er ein und gab uns die schriftliche Bestätigung, dass das Beratungshaus bzw. der Verkäufer für Gutachterkosten, Notarvertrag und Grunderwerbssteuer aufkommen wird.

Was haben Sie nun weiter unternommen?
In einem Geschädigten-Forum von Schrottimmobilien wurde mir geraten, einen Anwalt zu konsultieren. Aufgrund der Weihnachtszeit konnte ich dies erst zwei Wochen später im neuen Jahr machen. Es stellte sich im Laufe der Zeit heraus, dass die Wohnung gar nicht 155.000 € sondern lediglich 85.000 € wert war. Um es kurz zu machen, es kam zu keinem Kreditabschluss mit der Bank. Eine Rückabwicklung über meinen Anwalt war möglich, jedoch trugen wir die Kosten für die Rückabwicklung und die Anwaltskosten von insgesamt rund 14.000 Euro.

Hier kann man ja kaum von einem blauen Auge sprechen. Sie haben also rund 14.000 € gezahlt und haben weder einen steuerlichen Vorteil erreicht, geschweige denn eine Wohnung gekauft?
Es ist ja noch relativ günstig. Wenn man sich überlegt, mit einer finanzierenden Bank und eventuellen Restaurationen der Immobile etc. wäre ich im schlimmsten Falle bei rund 320.000 € Schulden gewesen. Dieser Schaden wäre in der Relation immens und offen gesagt existenzvernichtend gewesen. Von den psychischen und physischen Auswirkungen in dieser Zeit will ich erst gar nichts erzählen.

Wie kann man sich vor einem Immobilienbetrug wie diesem schützen? Was für Chancen haben zukünftige Anleger und Vermieter, um nicht auf die gleiche Weise übers Ohr gehauen zu werden?
In erster Linie ganz wichtig, niemandem vertrauen und alles drei mal hinterfragen, auch wenn es unter Umständen frech wirkt. Es schützt ungemein.

Wenn man wirklich darüber nachdenkt, ein Haus oder eine Wohnung zur Vermietung zu kaufen, dann sucht man sich entsprechende Ansprechpartner bei der Bank oder einen unabhängigen Makler. Letztlich ist diese unseriöse Form der Kapitalanlagen auf die provisionierten Gehälter der Makler und Berater zurückzuführen. Der Steuerexperte bzw. Makler in meinem konkreten Fall hätte nur aus dem Verkauf der Wohnung ca. 20.000 € mitgenommen. Und dann käme ja noch die Provision für die Vermittlung des Kredits bei der Bank in ungefähr der gleichen Höhe hinzu.

Bei sogenannten Cold Calls, also einem Anruf wie bei mir, sollte man direkt auflegen bzw. den Gesprächspartner abwürgen. Wenn jemand auf einen zukommt, um ihn bei etwas zu beraten, stimmt etwas nicht. Da gewinnt immer nur der andere.
Und wenn man doch in so eine Falle tappen sollte: unbedingt direkt einen Anwalt für Immobilienrecht konsultieren, egal, wieviel es am Anfang auch kosten sollte. Es ist günstiger als das, was danach kommt. Das sieht man ja an meinem Fall.

Natürlich kann man nicht allen Maklern, Notaren und Verkäufern von Immobilien misstrauen, aber jetzt nach meiner schlechten Erfahrung und meinen Recherchen weiß ich, dass es sehr viele schwarze Schafe gibt. Und seit Anfang der 90er Jahre sind da eben diese Strukturvertriebe und Mitternachtsnotare, die  jährlich ca. 12.000 Geschädigte generieren, vom einfachen Arbeiter bis hin zum Professor an der Universität. Nur die wenigsten gehen deswegen vor Gericht. Noch weniger gehen an die Öffentlichkeit. Und dabei sind die Schäden immens und gehen in die Millionen vielleicht sogar Milliarden.

Zudem sollte man auch immer recherchieren, wie es um die Internetpräsenz des jeweiligen Anbieters steht. Die meisten unseriösen Anbieter sind nicht einmal im Ansatz in der Lage, ein ordentliches Impressum anzulegen oder berichten nur sehr einseitig von Geldentwertung, Kapitalanlagen, Rentenaufstockung, Mietpools oder eben einer Nettolohnoptimierung in Form einer Unterstützung bei der Steuererklärung. 

Aber ich hatte ja noch Glück und bin mit 14.000 € und meinen Unterlagen wieder aus der Sache herausgegangen. Die Steuerklärung mache ich jetzt im übrigen alleine.

Ich hoffe, dass durch dieses Interview zukünftigen Anlegern und Vermietern von Immobilien im Vorfeld geholfen wird. Wie gesagt, es ist nicht alles schlecht da draußen, aber sobald es bedrohlich wird, unbedingt einen Anwalt aufsuchen.

Ich danke Ihnen recht herzlich für die Einblicke in diesen Immobilienbetrug und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.

Sind auch Sie Opfer eines Immobilenbetrugs geworden? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion, um weitere Anleger und Vermieter zu informieren.

Hilfe bekommen Sie auch in diesen Foren für Opfer von Schrottimmobilien: www.schrottimmohilfe.de
www.schrottimmobilien-forum.de

 

Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Zusammenfassung und keine rechtliche Beratung.

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